Simon Wasner: Vita et Honor
by voisard
“Leben und Ehre ist ein episches Theaterstück im brechtschen Sinne. Es funktioniert und lebt von medialem Einsatz, der die Kerngedanken des Stückes untermauert. Dabei werden auch die Bühne und die Akteure selbst zu Medien, indem sich die Bühne verändert und sich die Schauspieler mit ihrer Botschaft direkt an das Publikum wenden, ja das Theater selbst wird zum Medium. Das Stück wurde inspiriert von dem Proseminar “Das Attentat im Mittelalter bei PD Dr. Jörg Schwarz. Meine thematisch entsprechende Hausarbeit bildete die Grundlage für das Theaterstück. Dabei waren sowohl konventionelle Bibliotheken, als auch die fortgeschrittenen Onlinedatenbanken historischer Zeitschriften und Fachgebiete von großer Bedeutung, um die Komplexität des Themas entsprechend zu veranschaulichen.”
Leben und Ehre – Ein episches Theaterstück.
Von Simon Wasner
Dramatis Personae in der Reihenfolge ihres Auftretens.
Dodo, ein Bauer
Dudo, sein Bruder
Gernot, Vertrauter des Totgeschlagenen
Siegarthe, Dudos Frau
Eloisa, eine Hure
Entrand, ein Henker
Kardinal Bernhard
Kardinal Gregor
Abt Wibald von Stablo
Bischof Eberhard
Friedrich Barbarossa, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation
Erzbischof Arnold II. von Köln
Heinrich, Vorgänger Arnolds
Arnold von Selenhofen, Erzbischof von Mainz
Herman, ein Pfalzgraf
Meingot, ein Mainzer Ministerialer
Adalbert, Dudos Sohn
Arnold, genannt der Rote
Der eine Sohn Meingots
Buchard, Meingots Bruder
Der andere Sohn Meingots
Der Gauklerkönig
Heinrich der Löwe
Der Compositor
Sowie Bürger, Gaukler, Mönche, Frauen, Kinder
Regieanweisungen: Leben und Ehre ist ein episches Theaterstück im brechtschen Sinne. Die Einleitungen zu den Szenen werden entweder auf die Bühne projiziert oder aus dem Dunkeln verlesen. Die Akteure wenden sich wenn angegeben direkt an das Publikum. Kursiv geschriebene Texte können entweder als Gedichte oder als Lieder aufgeführt werden. Das Lied des Gauklerkönigs sollte unbedingt auch als solches gespielt werden. Die Hure und der Henker werden, auch im Hinblick auf ihre spätere Wandlung, als nicht unsympathische und lebenskluge Menschen charakterisiert. Die Szenen können gegebenenfalls mit Musik unterlegt werden. Die Hauptcharaktere des eigentlichen Stückes sollen vom Zuschauer nicht in die Kategorien gut oder böse unterteilt werden. Die Schauspieler sollten deutlich machen, dass jeder von ihnen im Kampf um Macht und Ehre vor allem auf seine eigenen Interessen bedacht ist. Sollten sie sich trotzdem auf Seiten der Meingoter einfinden, ist der Auftritt des Gauklerkönigs umso wichtiger. Die plötzliche Wandlung der Hure und des Henkers zum Ende des Stückes verdeutlicht noch einmal, dass es keine einer Person aufgezwungenen Ehrlosigkeit geben kann.
Ineinander verschachtelte Szenen werden mittels einer mechanisch drehbaren Bühne realisiert. Häuser sind entweder aufklappbar oder durchsichtig.
Freiburg, den 12. November 2008
1. Szene
1163 zu Aachen. Kaiser Friedrich Barbarossa hält Hoftag.
Drei Jahre zuvor hatten Einwohner der Stadt Mainz den Erzbischof Arnold von Selenhofen erschlagen. Dem Mord ging ein jahrelanger Streit voraus. Das Urteil des Kaisers über die Mörder wird erwartet.
In der Stadt Aachen. Dodo, ein einfacher Bauer, treibt fluchend Hühner zum Markttag. Auftritt Dudo.
Dodo umarmt seinen Bruder: Heyda, Gott zum Gruße, Bruder. Nötig ist es, den Bauernhof zu verlassen, um die Welt zu begreifen. Und fein ist es, sich den Magen vollzuschlagen, während andre darben. Lacht. Das Jahr war gut, und wenn Gott will, dann geht es so weiter wie es geht und falls nicht, so hab ichs nicht zu entscheiden. Wie man arbeitet, so stirbt man eben, wenig hat man das eigne Schicksal in der Hand. Und wenn Gott Erbarmen mit meiner sündigen Seele hätt, so würden sich doch die Herren Könige und Kardinäle gewiss darauf verstehen, mir das Kreuz aufzuschnüren. Aber nun sag an, was spricht die Stadtluft?
Dudo: Gegrüßt seist auch du, Bruder. Die Stadt ist wie sie ist, ihr Mief zieht durch die Gassen und durchdringt die Häuser. Und wenn der Staub aufgewirbelt wird, dann muss etwas vor sich gehen. Der Kaiser ist in die Pfalz eingeritten, drei Tage ists schon her.
Dodo: Was gibt’s, sind die Mägde ihm wo anders nicht prall genug?
Dudo: Dumme Bauern verstehen nichts vom Staatsgeschäfte, Dodo, deswegen sind sie Bauern. Herrscher verstehens, deswegen sind sie Herrscher. Pause. Heute soll die Entscheidung über Mainz fallen. Die haben ihren Erzbischof umgebracht, Arnold von Selenhofen. Am Johannistag haben sie ihn totgeschlagen. Drei Jahre sind schon ins Land gezogen. Nun soll die Entscheidung über seine Mörder fallen.
Dodo: Hättens doch den Kaiser gleich mitgenommen auf die andere Seite, so könnten auch wir vielleicht den Duft riechen, den man Freiheit schimpft. Geistliche und Herrscher, allesamt das gleiche Lumpenpack.
Dudo: Schweig still, Idiot, oder willst dus ihm gleichtun? Hier sind überall Pfaffen. Auftritt Gernot. Da, schon wieder einer. Leise Pest und Cholera. Zu Gernot Gott zum Gruße, ehrwürdiger Bruder!
Gernot: Gott zum Gruße, einfacher Mann. Sagt, wurd schon entschieden über Mainz? Wie hat der Kaiser sie gestraft? Mit Feuer, Schwert, mit Strick? Ich hör schon brechen ihr Genick! Wer das Schwert ergreift, der soll durch das Schwert umkommen. Aber nun sprecht endlich! Ich hoffe nur Erbarmungslosigkeiten aus eurem Munde zu erfahren.
Dudo: S ist noch nichts bekannt. Seit drei Tagen ist der Kaiser nun schon hier. Man sagt zur Nachmittagsstunde soll die Entscheidung verkündet werden.
Gernot zynisch: Der Magen knurrt, die Füße schmerzen und die Verräter laufen frei herum, wahrlich, Herr, diese Erde ist kein angenehmer Ort!
Dudo: Woher kommt ihr?
Gernot: Ich kam direkt aus Mainz. Nun bin ich angekommen und mich dürstet, das Urteil des Kaisers zu erfahren. Wie kann es nur so lange dauern? In einer solchen Angelegenheit sind Härte und Gerechtigkeit von Nöten, nicht drei Jahre des Zögerns und Zauderns. Das Verbrechen muss geahndet werden! Wer Ohren hat zu hören, der höre!
Dudo: Meine Frau hat Schweinsfüße in die Suppe gehangen. Ihr könnt euch in meinem Hause etwas ausruhen bis zur Verkündung. Kommt mit mir und berichtet mir von eurer Reise. Sie war sicherlich lang und anstrengend.
Gernot: Nicht von meiner Reise will ich euch berichten, denn sie ist jämmerlich. Nicht von mir will ich euch berichten, denn ich bin kümmerlich. Wichtigeres gibt es zu erzählen, gerade in Zeiten, in denen der Pfad der Tugend und Edelmut, den Gott uns frommen Christenmenschen in seiner unendlichen Güte zugewiesen hat immer öfter verlassen scheint. Was sagt euch der Name Arnold von Selenhofen?
Dudo: Der Totgeschlagene von Mainz.
Gernot väterlich: Mehr als das, unwürdiger Bauer. Er war ein Heiliger. Dudo und Dodo ab.
Zum Publikum: Ich will euch berichten, in Form dieses Deppen
Was muss passieren, damit sie verrecken
Die Menschen die ihm das angetan
Dem frommsten Lamm in Gottes Plan
Tugendhaft, mutig und edel
Der Arnold war ein guter Mann
Doch gibt’s kein guten Mainzer
Und wenn sie dann nicht Mainzer wärn
Wärn sie doch Satans Geister. (ab)
2. Szene
Im Hause Dudos. Seine Frau Siegarthe trägt die dampfende Suppe auf den Tisch und schöpft Gernot einen Teller ein. Dieser riecht mit dem Ausdruck der ständischen Überheblichkeit kurz an ihr und schiebt sie weg.
Gernot: Dann lieber hungern.
Siegarthe: Ich dacht euresgleichen wär genügsam. Wenn Hochwürden die Suppe nicht schmeckt, dann kann er ja einen Hammelbraten auftun, sofern er einen unter der Kutte schleppt.
Gernot: Halts Maul. Wie lange kann die Entscheidung noch dauern?
Dudo: Die kaiserlichen Mühlen mahlen bisweilen langsam. Aber sagt, warum seid ihr so begierig, den Urteilsspruch zu hören? Es scheint ihr habt ein persönliches Anliegen an der Sache?
Gernot: Es sollt ein Anliegen jedermanns sein, wenn Mörder ihre gerechte Strafe erhalten, oder irre ich? Dennoch habt ihr nicht ganz unrecht. Gernot ist mein Name und ich war Vikar unter Arnold von Selenhofen. Der Erzbischof ward lange im Konflikt mit diesem unwürdigen Lumpenpack von Mainzern und er ertrug die Last mit der Güte des Lammes und der Weitsicht des Hirten. Aber die Mainzer verstanden es stets, ihm immer neuen Kummer zu bereiten. Sie weigerten sich, ihm die Steuern zu zahlen! Als er erschöpft aus Italien zurückkehre, wo er für seine Ehre an Seiten des Königs gestritten hatte, versperrten sie ihm die Tore! Sie verletzten die Ehre eines so beeindruckenden Mannes, und das wieder und wieder. Der Erzbischof strafte sie stets mit harter, aber gerechter Hand.
Sie hätten dankbar sein sollen für seine Gnade. Lacht bitter. Totgeschlagen haben sie ihn.
Dudo: Man sagte sich, die Steuern in Mainz seien unbarmherzig hoch gewesen. Ein Vetter meines Schwagers hat Verwandtschaft in der Gegend und sie berichteten von dem harten Leben unter Arnold. Es scheint der Erzbischof war nicht ganz unschuldig an der Sache?
Gernot nach ihm tretend: Dafür fährst du in die Hölle, Hurensohn! Ich sag dir, wies wirklich gewesen ist. Oder ich lass es dir sagen.
Auftritt Hure Eloisa und Henker Entrant.
Eloisa: Der Erzbischof, der Erzbischof, sie haben ihn geschlagen
Und haben ihn drei Tage lang geschändet statt begraben
Entrant: Warum dies war und musst es sein
Wir wollens dir berichten
Ein Buben- und ein Gaunerstück der Pein
Warn nur die andren Schuld – mitnichten
Beide: Dies ist das Stück der Beleidigten
Entehrten und Unrechten
Denn jeder will sein Ehre ham
Von Königen zu Knechten
Darum ist der Arnold hin
Und lachen die Gebeine
Drum lass uns dir von Ehr’ erzähln
Denn sieh, wir haben keine
Eloisa: Und wenn’s nur um den Arnold ging
Dann wärs uns allen doch egal
Doch dieses Stück geht über Ehr und her mit der Moral
In tausend Jahrn weiß keiner mehr, wer Arnold denn nun war
Doch Ehre wird’s auch dann noch gem und her mit der Moral
Beide: Denn darum ist der Arnold hin
Und lachen die Gebeine
Drum lass uns dir von Ehr’ erzähln,
Denn sieh, wir haben keine.
Entrant: Still, die Verschwörer beraten, Arnolds Vorgänger hinfortzujagen!
Das Bauernhaus öffnet sich zur Seite hin und gibt den Blick auf eine Ansammlung kirchlicher Würdenträger frei, die in eine heftige Diskussion verstrickt sind.
1153 wird Heinrich, der Erzbischof von Mainz und Vorgänger Arnolds, von der Kurie aufgrund fingierter Anschuldigungen und des Einflusses König Friedrichs, genannt Barbarossa abgesetzt. Heinrich, ein friedliebender und geistlicher Mann, sprach sich gegen die Krönung Friedrichs aus und überwarf sich mit dem Papst. Arnold von Selenhofen wird unter Einflussnahme Friedrichs als Nachfolger installiert. Von ihm erhoffen sich sowohl geistliche als auch weltliche Autorität stärkere Loyalität und Hörigkeit.
Kardinal Bernhard: Weg mit der Schabe, sag ich. Einen tauben Finger schneidet man ab. Er ist nicht mehr tragbar. Das Erzbistum Mainz kann nicht länger in den Händen eines Dilettanten bleiben. Im Übrigen auch die Ansicht des Königs.
Kardinal Gregor: Bernhard, meint ihr nicht, dass ihr überreagiert? Immerhin ist Heinrich ein getreuer Diener der Kirche und ein Mann der Geistlichkeit. Er hat sich stets mit Mut, Kraft und Frömmigkeit für sein Bistum eingesetzt.
Kardinal Bernhard: Eben, eben, der Mensch ist geistlich, genau das ist sein Problem, wer über der vielen Frömmigkeit den Wein und das Weib vergisst, der vergisst auch seine Hosen nach dem Scheißen wieder hochzuziehen. Ich sag so einer ist nicht für hohe Ämter tauglich. Wer Politik machen will, der muss auch wissen, wie sie gemacht wird. Heinrich ist kein Hasengenosse, er hat Mut, zugegeben, aber ist Mut im Vergleich zur Klugheit nicht die schlechtere Eigenschaft? Wer haucht sein Leben auf dem Schlachtfeld aus, ist es der Mutige oder der Kluge? Heinrich hat sich mit dem Papst überworfen, er handelt eigenmächtig und befolgt weder Weisung noch Befehl. Er mag ein Mann der Prinzipien sein, ein Politiker aber ist er nicht.
Je eher wir deutlich machen, dass wir ihn nicht tragen, desto besser für uns.
Abt Wibald von Stablo: Aber wer soll ihm nachfolgen?
Bischof Eberhard: Mit Sicherheit kein Welfe. Wenn wir Weitsicht beweisen wollen, so muss es einer sein, der sowohl dem Papst als auch dem Kaiser hörig ist, ohne einen von beiden übermäßig zu bevorzugen. Jede Störung des Gleichgewichts würde neuerliche Probleme mit sich bringen. Also wer ist unser Mann?
Kardinal Bernhard: Jemand, der weitsichtig genug in Politik ist, dass er sich auf kleine Schritte beschränkt und die großen unterlässt.
Bischof Eberhard: Jemand, der klug genug ist, nach oben zu buckeln und nach unten zu treten.
Die Tür öffnet sich mit lautem Getöse und zu imperialer Musik betritt König Friedrich Barbarossa den Raum. Seine Präsenz beraubt die anwesenden Männer ihres Atems.
Barbarossa: Ich wüsste da jemanden.
Alle durcheinander: Eure Hoheit. Welche Ehre. Wen, wen wisst ihr. Lasst uns teilhaben an eurer Weisheit.
Barbarossa: Genug Speichel geleckt, meine Herrn. Der Arnold von Selenhofen, Propst von St. Peter soll unser neuer Mann sein.
Kardinal Bernhard: Der Arnold? Ob der für eine solche Aufgabe taugt? Er ist mir bisher eher als Beamter denn als Staatsmann aufgefallen. Ob ihr ihn am Ende überschätzt?
Barbarossa: Ach haltets Maul, ihr wollt doch den Heinrich loswerden und ich genauso. Er wollte mich nicht zum König, jetzt bin ich’s. Die Erinnerung an meine Krönung versiegt nicht mit der Zeit. Heinrich hat in Frankfurt gegen mich gesprochen, aber ich habe gesiegt. Er wollte meine Krönung verhindern, doch hier stehe ich. Nun hat er die Folgen zu tragen. Was soll ich mit christlicher Nachsicht? Ließ Heinrich solche walten, als er gegen mich die Stimme erhob? Aber dass er nicht mehr lange Erzbischof bleibt, dafür werd ich schon sorgen. Zum Teufel mit der Frömmigkeit! Den Arnold, sag ich!
Alle devot: Den Arnold. Natürlich. Vortreffliche Wahl. Eure Weisheit überschattet die unsere.
Erzbischof Arnold II. von Köln nachdenklich: Heinrich wurde vor der Kurie angeklagt, Kirchengut verschleudert zu haben. Dieser Vorwand wird ihn uns schon vom Halse halten, er wird den Vorwürfen nichts entgegenzusetzen haben, soweit stimme ich zu. Das Episkopat Heinrichs wird an diesem Tage zu Ende gehen. Aber seid nicht zu siegesgewiss. Die Schlacht mag gewonnen sein, der Krieg jedoch tobt. Arnold mag keine schlechte Wahl sein, aber er ist und bleibt ein Mann der seine Dienste unter Heinrich tut. Zudem verteidigt er ihn gegen die Anklage der Kurie. Wie wollt ihr einen Mann, der die Fürsprache für einen Verbrecher hält zu seinem Nachfolger machen? Und wie wollt ihr sicher sein, dass seine Loyalität höher einzuordnen wäre als die Heinrichs?
Barbarossa: Wie wollt ihr fröhlich einer Hure auf die Backen klatschen, wenn daheim euer Getauftes liegt? Aber davon versteht ihr ja nichts. Lacht. Arnold vertritt staufische Interessen, zumindest wird er es tun, ebenso wie er meine Interessen vertreten wird. Er ist schlau genug, um etwas von Politik zu verstehen.
Erzbischof Arnold II. von Köln: Und was sagen die Mainzer? Sie sind freie Bürger, sie werden Mitspracherecht einfordern.
Kardinal Bernhard: Na, was werden sie sagen. Der Rücken ist krumm, die Arbeit ist mühsam und das Himmelreich weit.
Alle lachen. Die Bediensteten tragen Essen und Trinken auf. Während sie noch lachen, prosten sie sich fröhlich zu. Nachdem das Essen abgeräumt wird, wird Heinrich hereingerufen. In einfacher Mönchskutte gekleidet, erwartet er schweigend und auf den Boden blickend das Urteil der Kurie.
Kardinal Bernhard: Heinrich, euch wird Unwürdigkeit im Amt sowie Verschleuderung von Kirchengut vorgeworfen. Habt ihr den Vorwürfen etwas zu entgegnen?
Heinrich: Wenn ich handelte, so nie gegen Gott oder mein Gewissen. Was ich tat, tat ich in reiner Seele und als getreuer Christ. Ich kann und werde mich nicht rechtfertigen für Untaten, derer ich mich nicht bekenne.
Kardinal Gregor: Wir nehmen dies zur Kenntnis, Heinrich, ebenso die Fürsprachen eurer Freunde und Unterstützer, als da wären Hildegard von Bingen, Bernhard von Clairvaux, Heinrich der Löwe. Dennoch ist die Kurie zu dem Urteil gelangt, dass die gegen euch erhobenen Vorwürfe der Wahrheit entsprechen. Von diesem Tage an seid ihr eures Amtes als Erzbischof von Mainz enthoben. Ihr könnt die Kutte ablegen.
Heinrich aufblickend, fest: Ich werde sie anbehalten.
Kardinal Gregor: So sei es denn. Ihr könnt gehen. Heinrich ab.
Eloisa: So ging sie zu, die mächtge Runde
Dem Heinrich schlug die letzte Stunde
Der Arnold wurd den Mainzern auferlegt
Weh dem, dem die Freiheit das Herz beschlägt
Arnold, Arnold, noch sieben Jahr
Dann ist die Seele nicht mehr da
Du drehst dir schon den eignen Strick
Denn wer Freiheit liebt, der liebt nicht dich.
Beide: Denn darum ist der Arnold hin
Und lachen die Gebeine
Drum lass uns dir von Ehr’ erzähln,
Denn sieh, wir haben keine.
3. Szene
Aufstieg des Arnold von Selenhofen.
Arnold von Selenhofen liegt auf einem Bett inmitten der Bühne. Heinrich betritt die Bühne und mustert den Schlafenden. Er wendet sich direkt an das Publikum.
Heinrich: Verwundern sie sich bitte nicht, mich hier anzutreffen. Dieser Mann zeigt auf Arnold soll mein Nachfolger werden. Es ist also nötig ihn vorzustellen und einer muss es ja tun. Die Ironie der Geschichte legt nahe, dass ich Arnold den Weg ebnete. Insofern sollte es auch meine Aufgabe sein, sie einander bekannt zu machen, ehe ich in irgendein entlegenes Kloster verbannt werde. Man sollte ja schlussendlich wissen, mit wem man es zu tun hat.
Ich möchte ihn ihnen nicht vergären, das wird er schon selbst erledigen. Mächtige Männer sind selten sympathisch. Aber genug der Zeit vergeudet.
Sein Name ist Arnold von Selenhofen. Er wurde um 1100 in einer gleichnamigen Mainzer Vorstadt geboren. 1128 beginnt er seine Laufbahn als Kleriker. Sein Aufstieg verläuft rasant, nachdem der damalige Erzbischof Adalbert stirbt. Da ich sie nicht langweilen möchte, verzichte ich hier auf eine Aufzählung seiner Stationen, nur soviel sei gesagt, seine Karriere verläuft erfolgreich. Als Mensch ist er tatkräftig, zielgerichtet, ehrgeizig, bisweilen starrköpfig und mitleidslos. Er ist unterwürfig gegenüber Autoritäten und unbarmherzig gegen Schutzbefohlene. Oder um es anders zu formulieren: Er ist ein guter Erzbischof. Ab.
4. Szene
1153 wird Arnold von Selenhofen, ehemals Propst in St. Peter auf dem Reichstag in Worms zum Erzbischof des Erzbistums Mainz erhoben. Die Mainzer sind über die Amtsenthebung Heinrichs verstimmt, zumal ihnen keine Mitsprache bei der Wahl Arnolds zugestanden wurde. In Mainz angekommen, lässt Arnold sich öffentlich huldigen.
Arnold sitzt auf einem Stuhl, neben ihm Vikar Gernot und Viztum Meingot. Vor ihm eine Menschenschlange. Arnold strahlt kalte Überheblichkeit aus.
Arnold: Alles Lumpenpack. Gibt es in Mainz keine ehrbaren Gestalten? Was muss ein Erzbischof tun, um Männer seines Ranges aufzufinden?
Gernot die Bemerkung überhörend: Der Pfalzgraf Hermann.
Hermann ohne sich zu verbeugen: Meine Ehrerbietung, eure Exzellenz. Möge euer Amt von Weitsicht und Wohlgefallen geprägt sein.
Arnold: Wo ist die Verbeugung?
Hermann: Exzellenz, mit Verlaub, ich bin der Pfalzgraf. Auch ich habe Ehre und Stellung, die es uns erlaubt, auf Augenhöhe und vertraut miteinander zu sprechen. Wenn ihr mir erlaubt, ein offenes Wort an euch zu richten, die weltliche und die geistliche Macht sind am Besten daran, wenn sie sich möglichst miteinander arrangieren. Die Frage ist, wer besitzt die Macht und wie kann man sie am besten halten. Ob man denn Graf oder Bischof ist, ist im Zweifelsfalle doch unerheblich.
Arnold: Schafft diesen Mensch hier weg! Hermann düpiert ab. Arnold erhebt sich und ruft laut in den Raum hinein: Ich bin der Erzbischof. Ihr seid Maden, die der Würde meines hohen Amtes kaum angemessen sein könnten, oder irre ich mich? Wirft wütend eine Obstschale an die Wand, die klirrend zerspringt. Ich wurde zum Erzbischof, weil Gott es so wollte. Gott! Was wisst ihr schon von Ehre, was wisst ihr schon von Macht? Eure Existenz begreift solche Worte nicht. Setzt sich wieder. Ich hingegen muss auf die meinigen achten und sie verteidigen. Ich verbeuge mich nur vor dem Papst und dem König. Nun verschwindet, die Amtsgeschäfte benötigen meine Aufmerksamkeit.
Meingot: Was sind eure Wünsche, Exzellenz?
Arnold: Holt mir die Liste mit den Steuereinnahmen, Meingot. Wir müssen die Abgaben an den Kaiser deutlich erhöhen, wenn wir uns gut mit ihm stellen wollen. Seine Forderungen hören nicht auf. Also müssen wir pressen. Denn wenn nicht, dann werden wir gepresst.
Meingot: Die Mainzer haben ihren eigenen Kopf, Exzellenz, sie werden dass nicht hinnehmen wollen. Ihr wurdet ihnen von oben auferlegt, obgleich auch andere Kandidaten dem hohen Amte angemessen schienen, auch einige aus meiner Familie. Ihr solltet abwarten, bis sich der Aufruhr legt.
Arnold künstlich lächelnd: Wir werden eine Lösung finden, die alle zufrieden stellt und die Ehre der Beteiligten wahrt, Meingot. Meingot ab.
Arnold zu Gernot: Wenn er wiederkommt, dann entlasst ihn. Ich werde meinen Neffen zum Viztum machen. Jagt seine ganze verkommene Sippe aus den Ämtern, seine Söhne, seinen Bruder, alle. Von denen gibt’s mir viel zu viele.
Gernot: Die Meingoter sind mächtig hier in der Gegend. Vielleicht hatte er Recht mit dem, was er sagte. Eure Erhebung war von Aufruhr begleitet. Versteht mich nicht falsch, Exzellenz, ich sage nicht, dass ihr keine Politik machen sollt, ich weiß nur zu gut, dass ihr das müsst. Und auch ich denke, dass Meingot zu sehr der Macht verfallen ist, um ihn weiterhin im Amt zu lassen. Aber vielleicht solltet ihr tatsächlich warten, bis die Wogen sich geglättet haben. Niederträchtige Neider sind bisweilen noch zu allem fähig.
Arnold: Ich habe Gott und den König auf meiner Seite. Mein Leben und meine Ehre sind unantastbar. Arnold ab.
Eloisa: Arnold sah seine Ehre verletzt
Wohin er auch ging und was er auch tat
Schlug Schlachten deswegen und schlug aus
Ein jeden besinnlichen Rat
Presste die Mainzer aus um sich gut zu stellen
Mit dem König der ihn hat gemacht
Denn das ist die erste Moral unsrer Geschicht
Politik wird halt so gemacht.
Beide: Denn darum ist der Arnold hin
Und lachen die Gebeine
Drum lass uns dir von Ehr’ erzähln,
Denn sieh, wir haben keine.
5. Szene.
Zwei bewaffnete Heere stehen sich gegenüber. 1155 kommt es zu einer Schlacht zwischen Arnold und dem Pfalzgrafen Hermann. Arnold und Hermann hatten sich wegen territorial- und machtpolitischen Fragen verstritten. Friedrich Barbarossa, inzwischen Kaiser, verurteilt die Schlacht und bestraft die Beteiligten.
Die eine Seite der Bühne ist ins Dunkel getaucht. Auf der anderen steht Hermanns Heer bereit. Hermann selbst reitet vor seinem Heer und hält eine Ansprache.
Hermann: Er hat es soweit kommen lassen. Er hat mich öffentlich beleidigt und versucht mich zu übervorteilen. Was denkt er, wer er ist? Arnold von Selenhofen ist nur Erzbischof von Mainz, weil der König ihn eingesetzt hat. Und nun denkt er, er könne sich mit uns alles erlauben? Nein sage ich. Nein. Seine Überheblichkeit endet genau hier, auf diesem Felde wird er von seinem hohen Rosse fallen. Kämpft tapfer, denn jemand muss seinem Treiben Einzug gebieten. Muss. Muss. Muss. Kämpft, oder er wird euch weiterhin pressen!
Ein Bauer: Unter Arnold geht’s uns so schlecht wie unter jedem andren auch!
Hermann: Du betrachtest die Dinge in einem falschen Licht. Du wirst erst erahnen können, was Elend heißt, wenn du deine Pike nicht gegen Arnold schwingst. Nun kämpft!
Hermanns Heer wird ins Dunkel getaucht. Auf der anderen Seite zeigt sich nun ein etwa gleichstarkes Heer Arnolds.
Arnold: Er hat meine Ehre verletzt und sich nicht meiner Würde unterworfen. Er muss gestraft werden. Gott zeigte uns in unendlicher Güte den richtgen Weg und Hermann verließ ihn, getrieben von der Gier nach Macht. Er versuchte, sich Land zu eigen zu machen, unser Land, das Land der Kurie. Er verweigerte mir den Gehorsam und versuchte mich lächerlich zu machen. Nun erweist mir eure Treue im Kampf.
Ein Bauer: Aber wofür kämpfen wir?
Arnold: Um dem Befehl eures Erzbischofes zu entsprechen. Der Herr sei unser Hirte. Angriff!
Schlachtengetümmel und wildes Rufen. Als der Lärm verklingt und der Nebel sich lichtet, stehen Hermann und Arnold vor Barbarossa, der über die beiden Strafgericht hält.
Barbarossa: Das Strafgericht hat entschieden. Beide Seiten haben Mitschuld am Ausbruch des Konfliktes. Infolgedessen ist beider Ehre verletzt. Eine wichtige Angelegenheit. Die Ehre von solch vortrefflichen Persönlichkeiten zu verletzten, ist ein schwerer Rechtsbruch. Infolgedessen sollen beide Parteien büßen und satisfactio leisten, um den honor des anderen wiederherzustellen und damit den Frieden zu gewährleisten. Ich verurteile beide Seiten, Hermann und Arnold zum öffentlichen Hundetragen, dem hanschare um sich dem Spott der Menge auszusetzen und so die Gegenseite zufrieden zu stellen. Hermann ab.
Arnold: Eure Hoheit, ich war immer ein treuer Freund an eurer Seite. Ihr müsst einsehen, dass diese Demütigung die Würde meines hohen Amtes noch weiter beschädigen würde. Und mein Stand in Mainz ist, wie ihr sicher wisst, schwer. Sollte meine Ehre wieder in Mitleidenschaft gezogen werden, schwindet auch meine Macht. Denn Ehre ist Macht in dieser Welt. Soll dieses Lumpenpack etwa mehr davon besitzen als ich? Ist es nicht Ehre, die mir erlaubt, den Bischofsstuhl zu besetzen? Ist es nicht Ehre, die euch erlaubt, die Krone zu tragen? Meingot ist verärgert und scharrt seine Anhänger um sich. Wenn Meingots Ehre höher bewertet wird als die meinige, soll dann er Erzbischof werden? Und wenn er Erzbischof wird, soll dann der Bauer auf dem Felde statt zu schuften sagen: „Meingot war ein Minsterialer, jetzt ist er Erzbischof. Ich war ein Bauer und bald bin ich ein Erzbischof!“ Man darf diesen Kreaturen keinen Raum für solche Gedanken lassen. Das Gefüge auf dem unser aller Macht ruht, ist zu fein, um es leichtfertig zu verändern. Wenn meine Ehre schon dahinschwindet, wo zum Teufel wird dann die eure sein?
Barbarossa: Also gut, ihr müsst die Demütigung nicht ableisten. Nun geht. Es wird die Zeit kommen, in der ich euch an meiner Seite wissen will.
Arnold: Es wird wie immer die richtige sein. In Zeiten der Finsternis erhellen Freunde stets den Weg. Ab.
Eloisa: Wer ist nun die Hure, ists Arnold oder ich?
Durch Trug und List und Politik
Entgeht ihms Strafgericht
Doch Arnold, Arnold, noch fünf Jahre
Und es ist mehr als nur hanschare
Dann hast du keine Zähne mehr
Doch wen kümmerts?
Fressen wirst du eh nicht mehr.
Beide: Denn darum ist der Arnold hin
Und lachen die Gebeine
Drum lass uns dir von Ehr’ erzähln,
Denn sieh, wir haben keine.
Dudos Sohn Adalbert betritt den Raum.
Adalbert: Was ist das eigentlich, Ehre?
Entrant: Eine gute Frage, aber ich fürchte, da verlassen wir den Pfade, den wir halten sollten, zu weit.
Gernot vergnügt: Nur zu, nur zu. Er wird’s eh nicht verstehn. Das einfache Volk hat keinen Sinn fürs Denken. Es soll Gemüse ernten unds auf einen Karren lüpfen mit seinem krummen Rücken und seinem Krüppelfuß und soll die Ochsen anspannen und einen wohlgemeinten Teil denen abgeben, die so gütig waren, für sie das Denken zu übernehmen.
Das liegt dem Lump nicht, das Denken.
Entrant grimmig: Aber fürs Henken von Haderlumpen wird’s wohl reichen.
6. Szene.
Die Ehre wird erläutert.
Entrant: Ehre, sieh, jeder hat sie und jeder sollte sie haben, aber nicht jeder darf sie haben. Auf Eloisa zeigend. Sie darf keine haben.
Eloisa zurückzeigend: Er auch nicht. Zu Gernot hin. Er schon und wenn man vor einem solchen nicht kriecht, dann sieht er sie verletzt. Schau nur hin.
Dudo umsorgt den Vikar aufs Feinste und lässt von seiner Frau einen Kuchen aufdecken, während er den Vikar bittet, in ihrem Haus zu übernachten und sich am nächsten Morgen beim Frühstück für die Rückreise zu stärken.
Adalbert: Warum tut er das?
Entrant: Er hat Angst. Er könnte die Ehre seines Gegenübers verletzen oder vielmehr, sein Gegenüber könnte sich einbilden, sie wäre verletzt.
Adalbert: Und was passiert dann?
Entrant: Nun, dann muss ihm eine Demütigung geschehen, damit die verletzte Ehre sich wiederherstelle. Oder sie kämpfen. Oder dein Vater ist ab morgen ein Kopfloser. Mit solchen Leuten verdiene ich Geld.
Zum Publikum. Mich gibt es bald schon nicht mehr, aber die Ehre, die wird es immer geben. Und genauso lang wird’s auch welche geben, die sich einbilden, ihre Ehre wär verletzt.
Adalbert: Ich glaub ich habs nicht verstanden.
Gernot lacht laut: Wie sag ich’s, die Bauerntrampel sind zu dumm, um etwas zu beherrschen außer ihren Händen.
Eloisa: Dafür versteht ihr nix von Händen.
Ein jeder stirbt dumm, in irgendeiner Weise.
Denn niemand ist in allem
Gleich gescheit und weise
Und das soll sein die zweite Moral
Wenn du stirbst, es sei dir egal
Denn du trampelst laut
Doch der Tod kommt leise
Und Hand aufs Herzen –
Jeder stirbt
Doch niemand war je weise.
Beide: Denn darum ist der Arnold hin
Und lachen die Gebeine
Drum lass uns dir von Ehr’ erzähln,
Denn sieh, wir haben keine.
7. Szene.
1158 bricht der Kaiser zum Feldzug nach Italien auf. Arnold versucht erfolglos, sich dem Heereszug zu entziehen. Als feststeht, dass er den Kaiser nach Italien begleiten wird, versucht er, in Mainz eine Heersteuer zu erheben, um sein Aufgebot zu finanzieren. Auf Drängen Barbarossas versöhnt sich Arnold mit Meingot. Barbarossa schlichtet den Streit, um während seiner Abwesenheit keine Bürgerkriege fürchten zu müssen.
Arnold sieht sich einer aufgebrachten Menschenmenge gegenüber.
Arnold: Diese Heersteuer ist zum Wohle der Stadt! Euer König zieht ins ferne Italien, um die Interessen des Reiches bis hin zum einzelnen Krüppel durchzusetzen und unsren Einfluss in der Welt zu erweitern. Und was tut ihr? Ihr beschämt euren Erzbischof, indem ihr euch weigert? Soll ich ohne Ritter, ohne Bewaffnung vor den Kaiser treten? Soll ich ihm sagen, sieh her, erlauchter Herrscher, mit diesen Knüppeln erlauben mir die Mainzer zu kämpfen?
Wenn ihr die Steuer zahlt, so ist es auch in eurem Interesse. Der Kaiser fordert dies von euch als Untertanen, als Getreue, als Christenmenschen!
Eine aufgebrachte Menge: Willst du uns auch noch unsern letzten Heller nehmen? Ausbeuter! Wir haben nichts zum Fressen und du willst uns unsre Güter einziehen!
Arnold ruft seine Ritter: Die Lage erfordert, dass jeder seinen Teil dazu gibt. Auch ich gebe meinen. Ich nehme von euch allen die größte Mühe auf mich und begleite den Kaiser, um unsere Stadt würdig zu vertreten. Euer Erzbischof höchstpersönlich wird dafür sorgen, dass das Aufgebot aus Mainz am hellsten strahlen wird und gewiss wird der Kaiser sich nach unsrer erfolgreichen Rückkehr als dankbarer und weiser Herrscher erweisen.
Der Rote: Du ziehst nach Italien weil er dich gezwungen hat, Feigling. Du magst der Erzbischof von Mainz sein, der Erzbischof der Mainzer bist du nicht!
Arnold zürnt und gibt den Befehl, den Bürger festzunehmen. Ehe die Ritter reagieren können, löst sich Arnold der Rote aus der Menge. Unbeeindruckt von den Rittern geht er auf Arnold zu und baut sich vor dem Erzbischof auf.
Der Rote: Erzbischof Adalbert verlieh der Stadt einst ein Freiheitsprivileg. Ihr wisst sicher, was es besagt. Wir alle, als Bürger der Stadt Mainz genießen Stadt- und Freiheitsrechte, die uns schützen. Die Heersteuer dürft ihr nicht einfahren. Wir sind Freie.
Arnold: Ihr seid frei dem Kaiser zu dienen!
Der Rote: Wir sind ergebene Diener des Kaiser.
Arnold: Dann gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört! Es ist mein Recht die Steuer zu erheben. Euer Stadtprivileg besagt nicht, dass ihr aufhört, Untertanen des Kaisers zu sein!
Der Rote: Wir werden die Heeressteuer nicht zahlen. Nicht einmal du kannst uns unsre Rechte als Bürger nehmen, Erzbischof. Jetzt zieh nach Italien und vermehre deine Ehre.
Arnold bebend vor Zorn ab.
Eloisa: Der Arnold presst die Mainzer ab
Er sollte sich beeilen
Denn zwei Jahr bleiben noch dann schneiden sie
Den Erzbischof in Scheiben.
Beide: Denn darum ist der Arnold hin
Und lachen die Gebeine
Drum lass uns dir von Ehr’ erzähln,
Denn sieh, wir haben keine.
8. Szene.
Notgedrungen macht sich Arnold unverrichteter Dinge nach Italien auf. Meingot, der zu einem engen Berater Arnolds wurde, stirbt. Arnold überträgt die Macht in seiner Abwesenheit Meingots Bruder Buchard. Trotz Barbarossas Bemühungen, den Streit aus der Welt zu schaffen, nutzt Meingot die Abwesenheit Arnolds, um seine eigene Familie als Machthaber zu installieren. Er lässt sich von seinen Anhängern als Bischof feiern und spricht sich gegen die Besteuerung durch Arnold aus.
Eine ausgelassen jubelnde Menschenmenge umringt Buchard. Dieser ist in Arnolds bischöfliches Ordinariat gekleidet und gebärdet sich mit sichtlichem Vergnügen wie Arnold.
Der eine Sohn Meingots: Hoch lebe Burchard, neuer Erzbischof von Mainz.
Das Volk: Hoch, hoch, hoch!
Buchard mit der Geste des Segnens: Huldigt eurem neuem Erzbischof, der eine schwere Bürde von seinem Vorgänger auf sich nahm. Doch habt keine Sorgen, liebe Mainzer, unter mir wird’s euch schon besser gehen! Lautes Lachen der Menge. Der König Höchstselbst gab mir die Ehre, bevor er mit unserem ehrlosen Haderlump nach Italien aufbrach. Und was hat er gesagt? Liebe Mainzer, so seine Worte, falls dem Arnold etwas zustoßen solle, so habt doch die Güte und wählt den neuen Erzbischof nur in meiner Anwesenheit. Die Menge johlt vor Vergnügen. Wie schmerzlich. Der König glaubt doch tatsächlich, dem geschätzten Herren Erzbischof könnt hier was zustoßen. Dabei ist er doch eine so hoch geachtete Persönlichkeit von Ehre und Rang. Was sagt ihr, liebe Mainzer? Er hat gar keine Ehre mehr? Die ist ihm alle verloren gegangen? Noch ironischer Wie bestürzlich. Dabei war seine Ehre doch das Einzige, was ihn über uns gestellt hat. Und jetzt ist sie ihm abhandengekommen? Und nun will er sie sich zurückholen? Aber uns gefällts doch ganz gut hier in der Gesellschaft seiner Ehre, oder irre ich? Arnolds Zeit ist um, nun bricht die unsre an! Hier, ihr habt nix zu fressen? Zeigt auf den Bischofssitz Arnolds. Da fresst was! Wie, ihr habt nix zum Anziehn? Da holt euch was! Wie, ihr seid bettelarm, weil euer Erzbischof eure Güter eingezogen hat? Zeigt auf den Dom. Da nehmt euch das eure zurück!
Unter lautem Getose stürmen die Mainzer den Bischofssitz und den Dom und plündern und schänden die Kirchenschätze und Besitztümer Arnolds.
Ein Bürger: Aber was sollen wir tun, wenn Arnold doch zurückkehrt? Wenn er sieht, was wir getan, wird seine Rache furchtbar sein. Wir werden kein Erbarmen erwarten können.
Buchard: Lasst uns beten, dass der Herrgott Erbarmen mit ihm hat und ihn ein verirrter Pfeil von seinen zahlreichen Leiden erlösen möge! Abermaliges Lachen der Menge.
Der andere Sohn Meingots kommt atemlos in die Mitte des Platzes gelaufen und brüllt, die Plünderungen unterbrechend: Arnold ist zurück! Er reitet in diesem Moment auf das Stadttor zu. Er hat Ritter bei sich! Man sagt, Barbarossa habe ihm das Recht verbrieft, die Heersteuer einzutreiben!
Buchard springt auf: Versperrt das Tor! Verriegelt es zusätzlich! Stellt Wachen auf! Er darf nicht in die Stadt hineinkommen, sonst sind wir alle des Todes! Zum Gauklerkönig Und du spiel auf!
9. Szene.
Der Gauklerkönig trägt das Lied der Ehre der Königin des Südens vor.
Der Gauklerkönig ist allein auf dem eben noch bevölkerten Platz zurückgeblieben. Er singt sein Lied direkt zum Publikum hin.
Der Gauklerkönig: Erlaubt, mich vorzustellen, meine Damen, meine Herren. Salomon ist der Name und Weisheit ist meine Gabe. Der Konflikt tritt soeben in seine letzte Phase, das dramatis finale, meine geschätzten Zuhörer, ist unabwendbar. Oder wäre es abwendbar?
Vielleicht müsste man über seinen eigenen Schatten springen. Dem Gegenüber als erster die Hand zur Versöhnung reichen. Aber Arnold hat Angst. Und Buchard hat genauso Angst. Der Ehrverlust lässt sie zittern. Sie, verehrtes Publikum, waren vielleicht kurz davor, so etwas wie Sympathie für Buchard zu empfinden? Nun, das ist ihr gutes Recht. Doch lassen sie eines nicht außer Acht. Buchard, Arnold, Meingot und wie sie alle heißen, entstammen alle einem ähnlichen Stand. Sie sind Ministeriale. Und sie, geschätzte Zuhörer, glauben doch nicht wirklich, dass Buchard als Erzbischof weniger raffgierig und hart gegenüber dem einfachen Volke wäre als Arnold? Macht macht nun einmal gierig.
Nun, vielleicht wäre er es, ein wenig zumindest, aber was sollen die Gedankenspiele?
Mehrere Gaukler mit Musikinstrumenten betreten die Bühne und spielen auf.
Ich präsentiere das Lied der Königin des Südens!
Das Lied der Königin des Südens:
Refrain:
Es ward ein weißer Herrscher einst
Mit Namen Salome
Er schien der hellste Kopf zu sein
Vom Lande bis zur See
1. Strophe: Von der Reise der Königin
Von nah und fern sie zu ihm kamen
Zu hören seinen Spruch
Sogar die Tauben, Dummen und Lahmen
Die Weisheit war sein Fluch
Es hörte einst die Königin des Südens
Eine starke und mächtge Frau
Von der Weisheit des Herren Salome
Und von da an wusst sie genau
Dass sie hören musste den Salome
Nur dann wär sie wirklich schlau
Und sie brach auf aus dem Süden
Über den Erdkreis hinweg
Mit Dienern und Sklaven und ihrem Gepäck
Zu kosten von der Quelle der Weisheit
Nur das war ihr Verlangen
Eine einzge Frag den Salome fragen
Dann zöge sie wieder von dannen
Und so plagten sich Diener und Träger und Sklaven
Die Lasten, das Essen, die Kleider zu tragen
Manch einer starb, manch einer ward krank
Vier weniger warens als sie kamen an die Westbank
Dreie hat die Flut noch einmal weggerissen
Doch die Königin zog weiter, sie wollt sie nicht missen – die Weisheit Salomes
Refrain:
Es ward ein weißer Herrscher einst
Mit Namen Salome
Er schien der hellste Kopf zu sein
Vom Lande bis zur See
2. Strophe: Am Hofe Salomes
So kamen sie den an seinen Hofe
Die Königin sprach zu ihrer Zofe
Hole mir den Salome, ich will ihn fragen noch auf dem Pferd
Was ist ehrvolles Herrschen – und ist es der Mühen wert?
Die Zofe holt den Salome
Er kommt, er kommt, Weisheit juche!
Und so sah der Weise die Königin
Und sagt, erzähl mir von deiner Reise
Man nennt mich den Weisen Salome
Doch nun sprich mir auf deine Weise
Und die Königin sprach und erzählt von den Mühen
Die sie auf sich nahmen, die Weisheit zu spüren
Von den Verlusten und Schmerzen ihrer Diener
Von den Krüppeln und Kranken ihrer Sklaven
Von den Ersoffnen und Verreckten ihrer Tiere
Und dann - Von ihrer eignen Unversehrtheit
Der Weise hörte dies, doch sprach er nicht
Die Königin aber – süchtig nach der Sicht
Des Weisen auf die Dinge der Welt
Rief schnell und im Zorn:
Salome, Salome, zeig mir die Weisheit
Ich zeige dir Geld!
Refrain:
Es ward ein weißer Herrscher einst
Mit Namen Salome
Er schien der hellste Kopf zu sein
Vom Lande bis zur See
3. Strophe: Der Spruch des Salome
Der Salome sprach immer noch nicht
Und dachte lange nach
Dann entließ er die Königin
Und sagte ihr nach
Du willst meine Weisheit? Hier sollst du sie haben
Während du auf dem Wagen sitzt, müssen deine Sklaven sich plagen
Sie sind doch verreckt im Dreck, du konntest dich laben
Am Essen das deine Diener dir bereitet haben
Du willst wissen, was ist der Sinn, das Geheimnis?
Dein Kleid ist schön, es hat nicht einen einzgen Riss
Die Mühen, die du auf dich nahmst? Keine.
Die Mühen der unter dir? Eigentlich deine.
Du wolltest Weisheit erlangen für dich und die deinen (dein Geschlecht)
Hier sag ich dir was Weises für dich und die deinen (dein Stand)
Wärst du nicht hierhergekommen
Wären die Menschen, die du für dich beanspruchst
Gesund statt krank
Kräftig statt Krüppel
Daheim statt in der Ferne
Wie du am besten handeln sollst, willst du fragen
Nun ich will es dir sagen
Wärst du nie gekommen, nie aufgebrochen
Hättest du die Herzen derer unter dir bewahrt
Statt aufgebrochen
Du fragst was ist das Edelste?
Ich sag das Edelste wär, du wärst nicht gekommen
Dann hättest du Leben retten können statt zu vernichten
So muss ich dich entlassen als Despotin.
Geh und lerne!
Refrain:
Es ward ein weißer Herrscher einst
Mit Namen Salome
Er schien der hellste Kopf zu sein
Vom Lande bis zur See
4. Strophe: Von den Konsequenzen der Wahrheit
So zog die Königin von dannen
In der Ehre gekränkt und voll von Gedanken
Der Rache sammelte sie ihr Heer
Köpfte den Salome – Weise ward der nimmermehr.
Und die Moral von der Geschicht
Ehre und Macht - die lohnt
Weisheit und Wahrheit – die nicht
Gaukler ab.
10. Szene.
Vor den Toren der Stadt. Die Mainzer blockieren das Tor und versperren Arnold den Zugang zur Stadt. Dieser schlägt sein Feldlager auf und beratschlagt sich mit seinen Getreuen.
Arnold, Gernot und das Aufgebot reiten auf das Stadttor zu. Als sie es versperrt vorfinden, rufen sie dem auf den Zinnen stehenden Mann zu.
Gernot: Hey, schlaf nicht in der Sonne, Elender! Siehst du nicht, was dein Herz mit Freude erfüllen sollte? Euer Erzbischof ist ruhmreich heimgekehrt! Macht das Tor auf!
Der eine Sohn Meingots: Ich fürchte ich sehe mich außerstande, dem Befehl guten Gewissens zu entsprechen. Denn sieh, wir haben keinen Bedarf an Erzbischöfen, wir haben schon einen.
Und der eure sieht mir eher etwas zerlumpt aus. Versucht es doch in einer andren Stadt.
Einen schönen Tag wünsch ich euch noch.
Gernot: Hundesohn, die Sonne hat dich weichgekocht, siehst nicht dass das Arnold ist? Nun sperr schon auf!
Der eine Sohn Meingots: Arnold? Welcher Arnold? Unser Erzbischof heißt Buchard. Übrigens dem Wunsch des Kaisers entsprechend!
Arnold ist vom Pferd gestiegen und sinkt schwach zu Boden. Des Kaisers? Wie ist das möglich? Ich, der ich ihm ein getreuer Diener war? Was mag mir zur Last gelegt werden? Wieso schlägt er sich auf die Seite dieser Kreaturen? Gab er mir nicht das Recht, die Steuer einzutreiben?
Gernot hilft Arnold auf die Beine und gibt das Zeichen zum Rückzug. Zu Arnold: Eine Finte, eure Exzellenz, eine jämmerliche Finte. Sie wollen sich Zeit erkaufen, indem sie uns die Tore versperren und uns glauben machen wollen, dieser Wahnsinn geschehe auf Wunsch des Kaisers. Wahrscheinlich haben sie schon von dem kaiserlichen Beschluss gehört, der uns erlaubt die Steuern zu erheben. Aber sie werden nicht lange durchhalten. Ich bin sicher, der Kaiser wird ebenso dem Moment entgegenfiebern wie ihr, in dem wir die Köpfe der Verräter auf dem Marktplatz präsentieren.
Während Gernot spricht errichten einige der Ritter ein provisorisches Feldzelt und stellen darin einen Stuhl und einen Tisch auf. Gernot hilft Arnold auf den Stuhl, die Ritter versammeln sich um sie.
Gernot: Wir müssen sofort zuschlagen und die Stadt im Sturm nehmen! Eile ist geboten, bevor sie die Stadt stärker befestigen können. Wir werden sie vernichtend schlagen, was haben sie eurem Geist schon entgegenzusetzen?
Heinrich der Löwe: Seid mir nicht zu geistlich, in diesem Fall. Wir sind zu wenige, wir sind abgekämpft und müde, wir haben keine Kriegsmaschinerie. Wir können die Stadt nicht nehmen. Ein Angriff wäre Wahnsinn.
Gernot: Wir müssen! Die Ehre des Erzbischofes hat schon genug Schaden genommen, oder seid ihr andrer Meinung, Verräter?!
Heinrich der Löwe: Mäßigt euch, Würstchen. Ich teile eure Ansicht. Aber ich halte es für klüger, zunächst Verhandlungen aufzunehmen. Ich bin mir bewusst, dass die Ehre des Erzbischofes schon genug gelitten hat. Genau deshalb will ich vermeiden, dass der nächste Schaden sein Leben sein wird.
Gernot: Seid ihr von Sinnen? Die Stadt muss genommen werden! Die Verräter müssen bestraft werden! Umso mehr Zeit verstreicht, umso stärker lenkt der Fürst allen Irdischens [Der Teufel] die Geschehnisse.
Gernot und Heinrich beginnen zu streiten, plötzlich steht Arnold voll aufgerichtet und kraftvoll auf und trennt die Streitenden. Seine Stimme ist klar und entschlossen.
Arnold: Schweigt! Wir haben wenig Zeit. Zu Heinrich. Sendet zwei Boten aus. Der Erste soll die umliegenden Fürsten von der Rebellion benachrichtigen und Verstärkung sammeln. Der Zweite reitet direkt an den Hof des Kaisers. Ich muss wissen, ob ihre Anschuldigungen wahr sind.
Gernot: Euer Eminenz, es handelt sich um eine Finte, ich sagte es bereits. Der Kaiser war immer (auf eurer Seite).
Arnold laut: Schweigt! Nach einer Pause. Ich muss es wissen.
Heinrich und Gernot ab. Arnold setzt sich und blickt starr in die Ferne.
Eloisa: Es ist nicht mehr lange
Es sind nur noch Wochen
Er ist groß in Ehre und Range
Und doch wird er abgestochen
Beide: Denn darum ist der Arnold hin
Und lachen die Gebeine
Drum lass uns dir von Ehr’ erzähln,
Denn sieh, wir haben keine.
11. Szene.
Das Feldlager steht unverändert. Arnold schreitet rastlos umher.
Heinrich der Löwe kommt angelaufen: Die Boten sind zurück! Die Mainzer sind nicht im Willen des Kaisers aufrührerisch! Gernot hatte Recht, sie wollten sich Zeit erkaufen! Aber es ist zu spät, in diesem Moment sammelt sich euer Heer vor den Toren der Stadt. Wir warten auf euren Befehl.
Arnold: So muss der Hirte seine Schafe mit dem Schwerte auf den rechten Weg zurückführen? Ist es unausweichlich, das Blutvergießen? Pause. Als Gott mir die Gnade und die Pflicht erwies, der Erzbischof der Mainzer zu werden, da hoffte ich auf Respekt. Er wurde mir verwehrt. Aber auch ich bin ein Mainzer. Ich hatte mich mit Meingot versöhnt. Er war mir ein treuer und lieber Freund. Ich weinte, als er von uns ging. Soll ich ihm nun schon seine Söhne nachsenden? Wird dieses Blut an meinen Händen bleiben? Brüllt verzweifelt. So antwortet doch! Heinrich blickt Arnold entgeistert, aber fest in die Augen und schweigt.
Nun denn. Macht die Truppen bereit, im Abendrot nehmen wir die Stadt. Bringt mir Buchards Kopf auf einem Tablett!
Heinrich: Und die Söhne?
Arnold: Keine Gnade. Richtet, wer gerichtet werden muss. Gott wird die seinen erkennen.
Heinrich verlässt das Zelt und kehrt nach kurzer Zeit bleich zurück. In seiner Begleitung der Kaiser und der Compositor.
Barbarossa: Gegrüßt seid ihr, Arnold von Selenhofen. Man sagte mir, ihr rüstet euch zum Kampf?
Arnold: Eure Hoheit! Was verschlägt euch in diesen Vorhof der Hölle?
Barbarossa: Noch ist es mein Vorhof, Arnold. Ihr seid dabei, ihn zur Hölle zu machen. Ihr und die Verschwörer. Was glotzt ihr so? Ich tat alles, um euch zu unterstützen, euch und eure Stadt. Und nachdem ich in Italien für das Reich gekämpft habe, haben meine Untertanen nichts besseres zu tun, als sich gegenseitig umzubringen? Und was, wenn ihr gesiegt habt?
Glaubt ihr, sie werden zufrieden sein, sich einem Erzbischof zu beugen, der ihre Brüder und Schwestern abgeschlachtet hat wie Vieh? Und was, wenn sie siegen? Soll Mainz eine Enklave der Rechtlosigkeit werden? Soll es landauf, landab heißen: Sie sind Mainzer und sie lieben die Freiheit so sehr? Soll es das? Wenn ihr auf einen Ameisenhaufen tretet, bleiben die Ameisen dann ruhig und gehen weiter ihrem Werk nach, wenn ihr euren Stiefel hebt? Ich kann solche Scharmützel nicht gebrauchen. Ihr werdet verhandeln und euch aussöhnen.
Arnold: Was? Dafür ist es zu spät. Sie haben es so kommen lassen. Sie trafen diese Entscheidung in dem Augenblicke, in dem sie mir die Tore versperrten. Dieses Blut wird nicht an meinen Händen sein, da es schon an den ihren klebt wie die Silbertaler des Judas. Mein Heer ist bereit zum Kampf. Ich fürchte, ihr kommt zu spät.
Barbarossa: Nein, Arnold, ihr seid es, der zu spät kommt. Ich habe Boten geschickt. Die Verhandlungen sind bereits auf dem Wege. Morgen trefft ihr euch mit Buchard im Kloster St. Alban vor der Stadt. Und ihr werdet euch versöhnen. Wie und wo bleibt den beteiligten Parteien überlassen. Ich kann keine Auseinandersetzungen innerhalb des Reiches gebrauchen. Der Compositor wird das Geschehen protokollieren und mir berichten. Ich habe euch immer unterstützt, Arnold von Selenhofen. Nun wird es Zeit für euch, mir eure Loyalität unter Beweis zu stellen. Ab.
Der Compositor: Lasst uns aufbrechen, Eminenz, der Weg nach St. Alban ist lang und die Dunkelheit bricht an. Die andere Partei ist schon auf dem Weg dorthin. Beide ab.
12. Szene.
Das Kloster St. Alban. Arnold verlangt von Buchard Wiedergutmachung für die erlittene Schmach. Die Verhandlungen ziehen sich bis spät in die Nacht.
Ein spartanisch eingerichtetes Zimmer. In der Mitte ein Tisch, umgeben von mehreren Stühlen. Mittig sitzt der Compositor, zur linken Buchard und die Söhne Meingots. Auf der rechten Seite haben Arnold, Gernot und Heinrich der Löwe Platz genommen.
Buchard: Was wollt ihr noch alles verlangen? Ich bin bereit anzuerkennen, dass euch Unrecht getan wurde. Ja, wir haben die Tore versperrt, nicht auf Befehl des Kaisers, sondern aus eigenem Antriebe. Wir werden euch Sühne leisten. Der Kaiser hat die Heersteuer für rechtmäßig erklärt, also werden wir sie aufbringen. Lasst uns die Sache beenden!
Gernot: Die Versperrung der Tore führte fast zum Kampf! Und was ist mit eurer Anmaßung Bischof zu sein, Buchard? Was ist mit den Demütigungen der Person des Erzbischofes? Den Plünderungen?
Buchard: Es ist geschehn und nicht mehr rückgängig zu machen. Nun lasst uns zur Normalität zurückkehren, damit wir möglichst bald das Taggeschäft wieder aufnehmen mögen.
Arnold: Ihr beliebt zu scherzen, Buchard. Niemals wäre euer Bruder so niederträchtig gewesen wie ihr. Ihr habt meine geliebte Stadt zu einem Vorhof der Hölle gemacht. Ihr habt den Dom geplündert! Meine Besitztümer geschändet! Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Ich sagte Heinrich einst, dass ich euren Kopf auf einem Tablett forderte. Er mag diesen Befehl aufgegeben haben. Ich nicht.
Der Compositor: Mäßigt euch, Arnold. Der Kaiser hat festgesetzt, dass die Versöhnung bis zum Morgengrauen fest ist, oder beide Parteien werden die Konsequenzen ihrer Handlungen zu tragen haben. Ich verlese noch einmal die kaiserliche Depesche. Holt die Depesche hervor und schlägt sie auf. Im Jahre des Herrn 1160. Friedrich, Kaiser von Gottes Gnaden stellt mit der Siegelung dieses Dokumentes folgendes fest. Erzbischof Arnold von Mainz ist im Zuge der Verschwörung der Meingoter Unrecht getan worden. Seine Ehre wurde geschädigt und sein Leben war bedroht. Im Zuge einer gütlichen Konfliktbeilegung und in Anwesenheit meines Compositoren sollen die Verschwörer daher Wiedergutmachung leisten, um die Ehre und den Stand des Erzbischofes in Mainz wiederherzustellen. Dies soll aber nur in dem Maße geschehen, dass die Ehre der Verschwörer keinen Schaden nimmt, um Frieden und Stabilität in der Stadt auf schnellstem Wege wiederherzustellen. Protokolliert durch das Siegel der kaiserlichen Kanzlei.
Buchard: Was verlangt ihr?
Arnold: Die Verschwörer sollen die Stadt verlassen und sich in den Wäldern aufhalten. Sie sollen erst auf mein Zeichen hin wieder die Stadt betreten.
Buchard: Wann wird dies sein?
Arnold: Wenn es bald genug ist.
Das Zimmer verdunkelt sich. Im Hintergrund der Bühne ist das Stadttor und die Wälder zu erkennen. Die Verschwörer halten sich in den Wäldern auf und warten auf ein Zeichen Arnolds.
Ein Bürger: Wir warten hier nun schon eine Woche? Ist es nicht endlich genug? Sagte er nicht, wir dürften bald zurück? Ich werde hier nicht auf irgendein Zeichen warten.
Die Verschwörer kehren geschlossen in die Stadt zurück. Damit taucht sie wieder ins Dunkel und das Zimmer wird erhellt. Die Beteiligten sitzen in der selben Konstellation am Tisch.
Der Compositor: Ich halte fest, Erzbischof Arnold kann die Wiedergutmachung nicht akzeptieren, da die Verschwörer sich ohne sein Zeichen abzuwarten wieder in die Stadt begeben haben und damit seine Ehre ein weiteres Mal verletzten.
Der eine Sohn Meingots: Er sagte, wir könnten bald zurückkehren.
Gernot: Er sagte, ihr könntet zurückkehren, wenn er es gebiete.
Arnold: Ihr habt mich ein weiteres Mal enttäuscht. Ein nächstes Mal wird es nicht geben. Hört was ich festlege. Die Heersteuer wird verdoppelt. Die Verschwörer begeben sich ein weiteres Mal in die Wälder. Gleichzeitig stellen sie eine festgelegte Anzahl an Geiseln, die in Stand und Ehre dem Erzbischof genügen. Werden diese Bedingungen nicht erfüllt, wird das Schwert richten.
Buchard berät sich kurz mit den Söhnen Meingots.
Buchard: Blutvergießen ist das letzte, das wir wollen. Ihr wisst, dass ihr uns überlegen seid. Wir werden euch Wiedergutmachung leisten. Wir wollen Frieden. Aber die Heersteuer ist schon so schwer aufzubringen. Die Zeiten sind hart. Ich kann sie euch nur einfach in Aussicht stellen.
Arnold: Ich aber sagte verdoppelt. Wie ihr schon sagtet, Schlange, seid ihr unterlegen. Der Kaiser gibt mir Recht in meinem Tun. Wenn ich will, zerdrücke ich euch wie Maden. Seid froh, dass ihr mit eurem erbärmlichen Leben davonkommt.
Der eine Sohn Meingots: Was wenn sie nicht zahlen können?
Arnold: Sie können zahlen. Sie haben vielleicht kein Geld, aber sie haben Haus und Hof. Sie haben Frau und Kind. Sie haben Vieh und Korn. Sie können zahlen.
Der andere Sohn Meingots entmutigt: So muss es denn geschehen, um des Friedens willen.
Nun zu den Geiseln. Wie viele verlangt ihr?
Arnold: Zwölf, ehrbar in Namen und Stand. Ich umgebe mich nicht mit Lumpenpack.
Der andere Sohn Meingots: Unmöglich, es sind zu viele.
Arnold: Werdet ihr das auch noch behaupten, wenn die Schlinge um euren Kopf gelegt wird? Zwölf Geiseln.
Buchard: Wen sollen wir nehmen, da ihr schon die Hälfte der Bürger aus der Stadt verbannt? Eure Forderungen sind zu hoch. Wir können sieben Geiseln stellen, acht vielleicht, höchstens neun.
Arnold: Dies ist kein Wochenmarkt, Buchard. Es sollen zwölf Geiseln sein. Zur Stunde des Morgengebetes erwarte ich die Verschwörer vor den Toren des Klosters. Dort sollen sie mir die Geiseln übergeben und sich in die Wälder zurückziehen. Andernfalls muss Blut fließen.
Buchard und die Söhne Meingots ab.
13. Szene.
Vor den Toren des Klosters. Arnold, Gernot, einige Ritter und eine Ansammlung Mönche warten in kurzer Entfernung zum Kloster.
Ein Mönch: Der Morgen ist klar und schön. Die Aussöhnung steht unter einem guten Stern.
Gernot: Aber wo bleiben diese Nattern?
Ein Mönch: Seht! Sie kommen!
Ungefähr Vierzig Mann in einfachen Kutten gekleidet nähern sich der Delegation. An ihrer Spitze Buchard und die Söhne Meingots. Buchard geht auf Arnold zu.
Buchard: Seid gegrüßt, eure Exzellenz. Wie verlangt, stellen wir uns zur Buße bereit in die Wälder zu gehen. Außerdem wird euch die vereinbarte Steuersumme ausbezahlt. Während wir in den Wäldern warten, werden zwölf Geiseln für eure Sicherheit garantieren. Gibt ein Zeichen, auf das zwölf Männer vortreten. Hier sind sie.
Arnold: Was erlaubt ihr euch? Das sind die Geiseln? Dieses Lumpenpack? Ich verlangte ehrbare Männer von Stand und ihr schickt mir Bettler und Bauern? Dies war eure letzte Demütigung, Buchard, seid euch dessen gewiss.
Buchard kalt: Du irrst, Arnold, wieder einmal. Dies war eure letzte Demütigung. Eure allerletzte. Zu seinen Begleitern. Es ist Zeit.
Die Verschwörer ziehen unter den Kutten Dolche, Knüppel und Mistgabeln hervor. Buchard selbst zieht ein Schwert. Ein Sohn Meingots entblößt einen kurzen Bogen.
Arnold: Nein! Er wendet sich mit den Mönchen zur Flucht, die Verfolger setzen nach. Während sich einige der Mönche ins Innere des Klosters retten können, wird Arnold kurz vor dem Tor von einem Pfeil getroffen. Er sinkt auf die Knie und sieht sich dem anderen Sohn Meingots gegenüber.
Der andere Sohn Meingots: Leben und Ehre, Arnold von Selenhofen.
Er streckt Arnold mit einem Schwertstoß nieder. Die wütende Meute dringt in das Kloster ein und beginnt die Mönche zu lynchen. Im Kampfgetümmel kann Gernot entkommen. Aus sicherer Entfernung beobachtet er, wie das Kloster in Brand gesetzt wird. Dann schleicht er sich davon.
Als der Schlachtennebel sich verzieht und die Verschwörer abrücken, liegt Arnolds Leichnam immer noch auf dem Weg. Kinder und Frauen kommen und bewerfen ihn mit Steinen.
Eine Frau ruft: Na, willst du mir immer noch meine Güter einziehen, Erzbischof?
14. Szene.
Wieder im Hause Dudos.
Gernot: So hat sich die Geschichte zugetragen.
Dudo: Und was geschah dann?
Gernot: Ich machte mich auf dem schnellsten Wege daran, den Kaiser über die Geschehnisse zu informieren. Nun, nach drei Jahren, ist es endlich soweit. Der Tag des Gerichtes ist gekommen. Wie lange kann das noch dauern?
Dudo: Da, die Ausrufer kommen.
Entrand und Eloisa betreten den Platz vor dem Bauernhaus. Sie sind im Gegensatz zu ihrer vorherigen Kleidung edel und gut eingekleidet und mit königlichen Abzeichen ausgestattet. Gernot, Dudo und seine Frau stoßen zur versammelten Menge hinzu.
Eloisa: Hört hört, ihr Bürger von Aachen! Der Kaiser hat Hoftag gehalten. Ein Urteil wurde gesprochen über jene Bürger der Stadt Mainz, die Arnold von Selenhofen erschlugen. Hört hört, ihr Bürger. Dies ist das Urteil des Kaisers.
Entrand vorlesend: Die Verschwörer werden aus der Stadt verbannt. Weiterhin werden die Befestigungsanlagen der Stadt Mainz niedergerissen. Der Kaiser behält sich offen, ob und wann die Verschwörer die Stadt wieder betreten dürfen. Beide ab. Die Menge zerstreut sich.
Gernot sinkt auf die Knie und beginnt zu weinen. Das ist sie also, meine Gerechtigkeit? Darauf wartete ich drei lange Jahre lang? Warum lässt der Kaiser sie entkommen? Blut muss fließen, um das Blut zu tilgen. Auge um Auge, Zahn um Zahn! Wo ist sie, meine Gerechtigkeit?
Dudo: Kommt mit, alter Mann. Nicht einmal die Bibel wird euch Recht geben. Es ist vorbei. Ihr könnt bei mir nächtigen. Der Heimweg ist weit.
Beide ab. Vorhang. Eloisa und Entrand treten vor.
Eloisa: Wer hat schon Ehre?
Du, oder ich?
Doch eines weiß ich
Dafür zu sterben
Es lohnte sich nicht.
Entrand: Jeder dürstet nach Macht, doch hat er sie erlangt
Erweist sie sich ums eine Mal
Als giftig-süßer Trank
Beide: Denn darum ist der Arnold hin
Und lachen die Gebeine
Drum lass uns dir von Ehr’ erzähln,
Denn sieh, wir haben keine.
Beide ab.
